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Der Löwe, Wimoweh und Mbube

Jens Olaf Koch

Wir schreiben das Jahr 1939. In Johannesburg steht Solomon Linda, ein Zulu-Sänger, zusammen mit seiner Gruppe, den “Evening Birds”, im ersten Studio Schwarzafrikas. Es ist erst ihr zweiter Besuch dort. Solomon ist bereits eine lokale Unterhaltungsgröße und tritt fast jedes Wochenende bei einem der vielen Gesangswettbewerbe auf – und gewinnt immer.

An diesem Tag performt er mit seiner Gruppe spontan ein Lied, das sich um einen Löwen dreht. Auf Zulu heißt Löwe „imbube“ und mit „mbube“ ruft man ihn. Gechantet wird u.a. „Uyimbube“ („You are a lion“), eine Phrase, die ein bekannter Singer/Songwriter namens Pete Seeger später fälschlicherweise als „A wimoweh“ transkribieren sollte.

Linda und seine Freunde sind auf dem Dorf aufgewachsen und Löwen kennen sie aus eigener Erfahrung. Diese Kindheitserlebnisse fließen in das Lied mit ein, das eigentlich ein typischer afrikanischer Chant ist. Die ersten zwei Takes, die an diesem Abend mitgeschnitten werden, sind für unsere Geschichte unerheblich. Aber gegen Ende des dritten Takes improvisiert Linda fünfzehn wunderschöne Töne. Eine unsterbliche Melodie ist geboren, heutzutage vielleicht die bekannteste, die jemals aus Afrika den Weg in die ganze Welt gefunden hat.

Wenn wir „In the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ hören, sollten wir jedesmal dankbar an Solomon Linda denken. (Der damals natürlich etwas anderes gesungen hat, aber mein Zulu ist einfach nicht gut genug, um es hier wiederzugeben… :-) ).

Solomon Linda

Nun denn, Mr. Linda bekommt für sein Lied zehn südafrikanische Schillinge. Damit sind die Rechte ein und für alle Mal an den italienischen Produzenten Eric Gallo verkauft. Der wiederum macht eine Schallplatte aus Mbube, die sich in den folgenden Jahren – wegen des Mangels an Radiosendern überwiegend durch Mundpropaganda – rund 100.000-mal verkauft.

Viele Jahre später landet eine dieser Schallplatten auf diversen Umwegen bei einem Musikverleger in Amerika, dort stolpert ein Bekannter von Pete Seeger darüber und schleppt die Platte kurz darauf in dessen karge Wohnung in der MacDogal Street in Greenwich Village. Seeger verliebt sich sofort in diesen Take und versucht ihn niederzuschreiben. Lautmalerisch betitelt er das Stück jetzt Wimoweh und bringt es seinen Freunden bei den „Weavers“ bei, der Band, in der er damals spielt. Es wurde, wie er selbst meint, sein “Lieblingslied der nächsten vierzig Jahre“. Anfang 1952 debutiert es in den Charts.

The Weavers
The Weavers, ca. 1949

Aber zurück zum Geld. Das Coypright lag ja bei Eric Gallo. Der aber verkaufte es per Handschlag an einen gewissen Larry Richmond, Chef von TRO, einem amerikanischen Musikverlag. „Wimoweh“ wurde unter dem Urhebernamen „Paul Campbell“ registriert, einem Gruppenpseudonym der Weavers, das oft benutzt wurde, um freies Material aus der Public Domain urheberrechtlich zu schützen. Ab sofort gingen 50% aller Erlöse an den Verleger, 50% an die Weavers. Von denen immerhin Pete Seeger dafür Sorge tragen wollte, dass seine eigenen Tantiemen an Linda gehen. Ob das letztlich auch so geschehen ist, bleibt offen.

Die Weavers waren Helden ihrer Zeit, für ein paar Jahre ein absoluter Topact mit Auftritten in der Carnegie Hall und kreuz und quer im ganzen Land. Es gab Charttoppers ohne Ende, bis sie ins Visier eines gewissen McCarthy und seiner ideologischen Gefolgsleute gerieten, die sich an den linken Hintergründen der Musiker abarbeiteten.

Ein Jahrzehnt später pfeift eine kleine Gruppe junger, jüdischer Sänger namens „Tokens“ dieses Lied bei einer Audition. Holterdipolter werden ein paar kundige Arrangeure auf „Wimoweh“ losgelassen, die das afrikanische Element weiter reduzieren, die Melodie mehr ins Zentrum rücken, die Lyrics erweitern und das Lied erneut umbenennen. Und jetzt urheberrechtlich unter eigenem Namen registrieren lassen, da sie davon ausgehen, dass der virtuelle Komponist „Paul Campbell“ nur ein altes afrikanisches Traditional genommen und unter seinem Namen hat schützen lassen. Das würde ihnen ja wohl niemand verwehren und streitig machen wollen: The Lion Sleeps Tonight war geboren.

The lion sleeps tonight ...

Obwohl es nur als B-Seite eines anderen Stücks veröffentlicht wurde, pushte es ein lokaler DJ in Massachusetts. Von da an loderte ein Steppenbrand um die Welt: Im November 1961 toppten die Tokens mit dem “Löwen” die US-Charts, einen Monat später ein Cover von Karl Denver die UK-Hitliste.

The Tokens

Die Melodie des Lieds macht es so unverwechselbar, dass irgendwann der Verleger von „Wimoweh“, dem Vorbild-Song, bei den neuen Herren Komponisten auf der Matte stand. Aber schnell war man sich einig, man kannte sich in der Szene. Solange er seinen 50%-igen Verleger-Anteil bekäme, wäre alles in Ordnung.

Insgesamt hat dieser Song in all seinen Varianten weltweit schätzungsweise mindestens 15 Mio. US-$ eingebracht, von denen nur einige wenige Tausend bei Linda und seiner Familie gelandet sind. Linda selbst hat sein Leben lang erfolgreich und allseits hoch geschätzt gesungen, bis er angeblich von seinen Konkurrenten, die ihm seine unangefochtene Position bei den ewigen Gesangswettbewerben neideten, vergiftet oder verhext wurde.

„Mbube“, der Titel seines Songs, wurde zur Bezeichnung einer ganzen Musikrichtung, dem jüngeren Zulu-Chor-Gesang, wie ihn beispielsweise auch Ladysmith Black Mambazo pflegen. Linda war äußerst stolz, dass sein Lied bzw. seine Melodie auf der ganzen Welt gesungen wurde. Von Copyrights hatte er keine Ahnung. Stattdessen arbeitete im Schallplattenlager eines Verlegers und Produzenten namens Eric Gallo. Genau, das war der mit den zehn Shilling zuviel in der Tasche, der danach an 100.000 Platten verdient hat. Und der, der durch einen unbedachten Händedruck seinen Anteil an den späteren 15 Millionen verlor…

Seit 1961 haben unzählige Künstler dieses Lied gecovert: Brian Eno, R.E.M., Tight Fit, The Nylons, They Might Be Giants, Manu Dibango. Richtig Kohle macht es natürlich, seitdem die Disney-Corporation es im „König der Löwen“ benutzt hat.

Die ganze Geschichte des Lieds, die ein südafrikanischer Reporter recherchiert hat und die 2000 im Rolling Stone erschien, kann man hier nachlesen (3-teilig, in Englisch und lang).

Zum Schluss noch ein Tipp: Die swingende Zulu-Version der Mahotella Queens.

Beitragsbild (Titelbild): „Mahotella Queens“ von Diario de Madrid – Diario de Madrid – 9.500 metros de carrera y un concierto homenajean a Mandela, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61152310, cropped

Solomon Linda: https://en.wikipedia.org/wiki/Solomon_Linda#/media/File:Solomon-linda.jpg

The Weavers: https://www.flickr.com/photos/washington_area_spark/36274661153: The photographer is unknown. The image is from a postcard obtained via the Internet.

Löew: SonNy cZ – gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2200733

Tokens: Warner Bros. Records – Billboard, page 19, March 25, 1967, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26942423

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