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Sonntag, 06.03.2022 – Kriegstag 11: Wo scheint Sinn?

Jens Olaf Koch

Es ist, als löse sich jede Gewissheit in einem Nebel auf, den die Zukunft in unsere Gegenwart wirft. Welche Ziele soll man noch haben, welche Hoffnung?

Gestern bin ich bei schönstem Sonnenschein und schneidend kaltem Wind in der Nähe meines Zuhauses auf einem zehn, zwanzig Meter hoch gelegenen Weg um einen still und glatt im tiefen Licht liegenden See gefahren, einem früheren Baggersee, in dem sich die noch unbelaubten Bäume wirr und stolz und still und kraftvoll spiegelten, weit unter mir. Und ich stellte mir vor, ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können, wie der ganze Inhalt des Sees in Millisekunden verdampfen würde, und sah im Geiste wie sie fiel, diese Atombombe.

„Ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können“: Redewendungen entblättern sich und erzeugen assoziative Nebenbilder.

Gestern schrieb ich in einer E-Mail von einem Abstecher. Ich stolperte schon über dieses Wort, obwohl es nun wirklich und unverfänglich mehr mit Stichstraßen als mit dem „Abstechen“ von Menschen zu tun hat. Als das es sich mir aber unbedingt aufdrängen wollte.

Eine deutsche Biathletin sprach im Fernsehen davon, dass etwas „Bombe war“ und meinte ihre gut gewachsten Skier.

Meine tiefsitzende Sprachlosigkeit macht mir doch die Sprache lose, unverfügt, und ihre Einzelteile fallen mir auf die Zunge – genau wie uns die schöne jahrzehntelange Vorweiberfastnachtswirklichkeit in Stücken vor die Füße kracht.

Als schwanke ununterbrochen der Erdboden, als gelte nicht mehr A gleich A oder A ungleich B, sondern nur noch 1 + 1 = 0 ist nichts und wird auch nichts. Als woge ein nimmermüder Tsunami unbegreiflicher, bösartig zeitenwenderischer Ereignisse über unsere Köpfe, aus einem Osten, den ich mir nie so tief hätte vorstellen können, in einen Westen, der mir nie näher war. Hier bin ich geboren, hier gehör ich hin.

Ach Sonnenschein: Ist es nicht Sinnenschein, den wir jetzt bräuchten, auf dass wir uns einen Sinn davon machen könnten, was gerade geschieht?

Was für einen Sinn hat es, dass wir daran leiden müssen, nicht wirklich helfen zu können? Einen Aggressor nicht stoppen zu können mit den militärischen Mitteln, die wir haben, weil wir dann schlimmstenfalls unsere ganze Menschheitszivilisation in einen Untergang reißen, den ihr dann aber tatsächlich ein ganz anderer gebracht hätte?

Der auch Sinnenschein bräuchte, der Verblendete mit seinen Blendgesellen, in dessen verqualmtem Blendkopf aber vor lauter verstrahlter Ideen wohl kaum Platz für anderes ist. (Zu sein scheint.)

Scheint überhaupt noch irgendwo Sinn?

Da wäre ich jetzt gerne: in einem Wunderland unter Palmen mit wedelnden Blättern von Gewissheit, Glaube und Hoffnung, an einem weichen, warmen, goldgelben Strand voller Sandkörner des Glücks und der Freudentränen zufriedener Menschen, gestreichelt von einer sanften Brise der Erdliebe, der Lebensliebe, der Liebesliebe.

Und dann kniete ich nieder – vielleicht! hoffentlich! – und verspräche mich betend und lobpreisend diesem leuchtenden Sinnenschein.

Aber da ist keiner. Wunderland ist Traumland. Während wir versinken im sumpfigen Schmerzland des geschmolzenen Gesterns und des heutigen und des morgigen und des übermorgigen Leids.

Beitragsbild: Copyright by MaxPixel,  Credit: https://www.maxpixel.net/photo-7041214

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